Schluss mit 9 to 5 — Das Experiment
  • 23. May 2018
  • 12 min read
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28 Tage, 5 Köpfe: Die Protagonisten unseres Selbstversuchs stellen sich vor. Mit ihren Gewohnheiten, Erwartungen und den Problemen, denen sie im (Arbeits-)Alltag begegnen. Was können wir als Unternehmen und jeder für sich verbessern? Zeit, einen Blick vorauszuwerfen auf das, was kommt.

Teil 1 dieser Reihe dürfte es klar gemacht haben: Kreative Arbeit, die Probleme lösen soll, kann kaum in starren Rahmen und altbackenen 9 to 5-Modellen passieren. Der folgende Absatz soll nicht als Werbung verstanden werden, sondern als Beschreibung unserer Arbeit:

Wir basteln keine Baukastenlösungen, und beraten nicht aus der Mottenkiste. Wir versuchen uns schon seit der ersten Stunde durch eng partnerschaftliche Arbeit zu unterscheiden, in der wir weniger ausführen als Einfluss nehmen. Unsere Kunden haben uns wegen dieser individuellen aber auch Vertrauen erfordernden Art ausgewählt.

Wir sind zwar frei in unserer Arbeitsweise, sehen uns aber dennoch einigen Gegebenheiten gegnüber, die uns davon abhalten, unser produktivstes Ich zu sein. Gute Voraussetzung das Beste aus uns herauszuholen: Wir sind in der glücklichen Situation, dass wir alle einen Job machen, den wir uns aufgrund unserer Interessen und Neigungen selber ausgesucht haben, in dem wir gut sind, weil wir darin aufblühen. Mit Freiraum und der Möglichkeit, viel von uns selbst einzubringen und stark mitzugestalten. Diese Arbeit gut zu erledigen benötigt mentalen Raum und einen fitten Geist. Punkt.

Es wird oft unterschätzt wie grundlegend die persönlich motivierte Weiterbildung außerhalb der Arbeit in der Web-Szene ist. Richtig gute Entwickler (Designer/UXler/…) sind nur gut, weil sie massiv Freizeit investieren, um neue Dinge zu verstehen und private Projekte umzusetzen. Es gibt wenige Tätigkeiten, in der mit solcher Begeisterung für den Job hilfreiche Skills geschaffen werden, die aber nicht in erster Linie für den Job erlernt werden. Und doch hängt jeder Web-Schmiede der Welt davon ab. Auch um dem Tribut zu zollen sind wir auf der Suche nach dem perfekten Arbeitsmodus für alle Mitarbeiter, und das im Einklang mit den Anforderungen einer brummenden Webagentur. Im gesamten Juni läuft unser Experiment, in dem wir aktiv Arbeitszeiten ausblenden wollen, nur mit Orientierung auf die Erledigung unserer Tasks. Egal wann, egal wo, egal wie.

“Wieso überhaupt ein Experiment, wenn ihr doch sowieso arbeiten könnt, wie ihr wollt?”

Um Bewusstsein für alternative Arbeitsmodelle zu schaffen und Hilfe bei der Strukturierung eines neuen Alltags zu bieten. Für viele von uns ist das, was man New Work nennt, schon eine Weile Realität. Damit wir von den Erfahrungen dieser Leute lernen, nicht unnötig in Sackgassen rennen und auch um diejenigen, die mit ihrem Arbeitsmodus zufrieden sind zu challengen, forcieren wir das Ganze, statt nur Möglichkeiten offenzuhalten. Jeder von uns hat— wie ihr wohl auch — schon mal in gewissem Rahmen seine Routinen verändert, um produktiver zu sein. Das reicht uns aber nicht. Damit wir wirklich herausfinden, wie Arbeit für alle Beteiligten am besten funktioniert, müssen wir diesen Rahmen sprengen. Aber natürlich nicht ohne einen Plan. Bevor wir uns also auf das Abenteuer New Work Experiment einlassen, brauchen wir eine Bestandsaufnahme:

Wo liegen meine Probleme, meine Wünsche und welche Erwartungen habe ich an meine Arbeit und mich selbst? Wo kommen Probleme auf mich, mein Projektteam und Raislove allgemein zu? Was will ich in diesen vier Wochen herausfinden?

6 Kollegen, alle mit unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten und persönlichen Voraussetzungen, stellen sich vor. Schon jetzt sehen wir gemeinsame Probleme aber auch, dass jeder anders denkt und unterschiedliche Rahmen braucht, um motiviert und kreativ arbeiten zu können.

Timo

Entwicklung - Hat ein noch flexibleres Modell mehr Stress-Potential? Wann habe ich genug gearbeitet?

Ich arbeitete nach dem Studium zuerst freiberuflich, der Büroalltag kam erst durch Railslove. Auch ich habe häufig wenig produktive Phasen im Büro, in denen ich aber trotzdem arbeite, oft mit dem Ergebnis dass einige Stunden nicht abrechenbarsind. Die fallen natürlich immer an und das ist auch eingeplant. Die Energie fehlt mir aber fürs Arbeiten an privaten Projekten, die ich immer wieder verfolge und in denen ich mich weiterbilde. Außerdem habe ich oft abends ab 8, 9 Uhr einen Produktivitätsschub, den ich aber selten nutze, da ich morgens wieder im Büro sein möchte. Weil es “sich so gehört” aber vor allem weil ich das Problem sehe, dass Personen, die nicht anwesend sind, möglicherweise auch nicht per Slack oder Telefon erreichbar sind. Das Team muss greifbar sein.

Auch ich möchte also im Juni bewusst darauf achten, wann ich nicht mehr produktiv bin und dann genau das tun, was ich nach einem 8-Stunden-Tag voll Arbeit hasse zu tun: Statt Abends um 8 oder 9 Haushalt und Hobby zu erledigen, passiert das über Tag und abends wird mal gearbeitet…da bin ich ja eh meist produktiv. Ich will variabel viele Zeitslots für die Arbeit planen, je nachdem ob es ein Meeting, Coden oder Dokumentation ist. Dazu soll das Tages-Ziel nicht sein 8 Stunden im Büro zu sein, sondern ein echtes Ziel zu erreichen.

Probleme sehe ich bei der Erreichbarkeit und Kommunikation nur, wenn sie nicht perfekt definiert ist. Alle sollen sich drauf verlassen können, dass ich dann erreichbar bin, wenn ich es angebe. Größer ist meine Sorge, dass es schwierig wird, mir Grenzen zu setzen und ich dann eher zu viel arbeite, bzw. dass das Stress-Potential steigt. Denn wenn ich 8 Stunden im Büro war, habe ich ein Ziel erfüllt und muss dazu die Grenze weniger streng selbst definieren. Selbstdisziplin wird eine der Challenges für den Juni sein.

Chris

Entwicklung -Alles an stundenbasierter Kalkulation sagt: “Wir schalten diese Arbeitskraft für X Stunden ein, solange arbeitet sie, das kostet dann so und so viele Euro.” So funktioniert kreatives Arbeiten aber nicht.

Ich war zusammen mit Timo zuvor selbständig und währenddessen viel im Home Office und flexibel unterwegs. Ich arbeite sehr gerne und beschäftige mich auch außerhalb der Arbeit viel mit der Frage, wie ich persönlich produktiver sein kann (sei es durch das lernen neuer Skill/Tools oder auf einer Meta-Ebene wie Schlaf/Ernährung/Sport). Ich möchte gerne sehr gute Arbeit abliefern und mich ständig weiterentwickeln. Stillstand wäre ein klarer Indikator dafür, dass ich nicht das richtige mit meiner Zeit mache. Dazu sind regelmäßige Phasen der Erholung essentiell. Diese Phasen möchte ich gerne komplett von Arbeitsphasen trennen und das sollte dann auch respektiert werden. Andersrum möchte ich aber, dass alle wissen, wie ich Abends oder am Wochenende erreichbar bin, wenn es wirklich brennt. Das ist nicht mehr als ein fairer Deal, sowas muss in beide Richtungen funktionieren.

Man muss allen Kollegen so vertrauen, dass sie ihre Arbeit so verrichten, dass dabei am Ende ein gutes Ergebnis herauskommt — egal auf Welche Art und Weise. Hier muss man ehrlich sein und sich auch eingestehen, wenn man nicht produktiv arbeitet und da Abhilfe schaffen. Da es im Büro häufig Ablenkungen gibt ist es ideal, wenn ich mich in Phasen, wo ich einen exakten Plan habe, was ich zu tun habe, an einen ungestörten Ort zurückziehen kann. Meine unproduktive Zeit von 13–15 Uhr wäre optimal genutzt mit Gesprächen über neue Ideen, Smalltalk oder dem nervigen Kram, der sonst am Abend anfällt.

Ich kann mich in der Regel maximal 6 Stunden produktiv konzentrieren. Das ist auch der Normalfall, dafür gibt es ja recht viele Studien. Trotzdem bin ich 9–11 Stunden am Tag im Büro. Das schlaucht, ich merke, wie ich von Tag zu Tag weniger Energie habe. Ich glaube, auf lange Sicht könnte ich bessere Ergebnisse liefern, wenn ich diese Zeit für Recovery/Reflection/Learning nutzen würde.

Iza

Design -Sind wir zu mehr fähig wenn wir entscheiden wann wir wie lange und wo arbeiten?

Ich habe schon alle möglichen Arbeitsmodelle in meinem Job als Designerin kennegelernt: Studijob, Teilzeit, Vollzeit (mit teils sehr strenger “Stechuhr”), Freelance. Mein Beruf ist auch mein Hobby, das bedeutet ich brauche Job und Privatleben in Balance, um zufrieden zu sein. Da mache ich keine großen unterschiede und befasse mich auch privat mit Arbeitsthemen. Auf der Arbeit schätze ich aber auch Kollegen als Freunde. Der Übergang zwischen Arbeit und Privatem ist also bereits flüssig.

Meine produktiven Zeiten liegen am Morgen und am späten Nachmittag. Morgens erledige ich von zu Hause meine Orga (Emails, Slack, Research und Konzeption) bevor ich dann so ins Büro fahre, dass ich noch einigermaßen früh dort bin und direkt durchstarten könnte…würde mich die Bahnfahrt nicht jedes mal aus dem Konzept bringen. Dadurch entsteht regelmäßig unproduktive Bürozeit am Mittag. Das möchte ich ändern und auf meinen eigenen (Bio-)Rhythmus hören, um ein Projekt bestmöglich zu beenden — methodisch optimal für mich und wirtschaftlich fürs Unternehmen.

Dabei müssen wir nun aber als Agentur die Arbeitszeiten tracken, um für Kunden transparent zu sein. Wie messen wir also dann den Wert unserer Arbeit? Das sehe ich als Herausforderung. Ist es die Zeit alleine, die Komplexität eines Tasks und bedingen sich diese Punkte überhaupt gegenseitig?

Stephan

Entwicklung, Controlling & Sales -Wie lässt sich weniger Ablenkung damit vereinbaren, dass Leute, die mit Fragen zu mir kommen, das Gefühl haben, ich bin für sie da?

Auch ich war zuvor mal selbständig, arbeite bei Railslove mit unserem “Arbeitsmodell” aber schon seit 8 Jahren. Damals war das Team kleiner und wir alle in erster Linie Freunde und erst in zweiter Kollegen. Das Arbeiten war rückblickend freier, als es jetzt gelebt wird. Ohne, dass das vorgegeben wurde, so etwas verändert sich natürlich mit dem Wachstum und dem Wechsel der Mitarbeiter.

Ich arbeite nur noch etwa 50% meiner Zeit in Projekten, die anderen 50% verbringe ich mit der Unternehmensführung. Dabei hat sich ca. 10–18 Uhr als meine Kernarbeitszeit etabliert, in der ich vor allem viele kleine, kurzfristige Tasks bearbeite und nur noch ganz selten für ein paar Stunden zum Coden “in den Tunnel” komme. Ich strukturiere meinen Tag dabei mit einer Email Stunde am morgen und gebe jeder anstehenden Aufgabe einen Zeitslot — was sich eher mittelmäßig umsetzen lässt. Ich verbringe ca. 12 Stunden die Woche mit Meetings und Calls, die eine zeitliche und oft lokale Bindung haben. Dazu kommen noch viele spontane Gespräche über Unternehmensthemen und einige Termine wie Konferenzen, Meetups, Netzwerktreffen, wo ich Kontakte pflege und das Unternehmen vertrete. Gerade an den rund drei Tagen, an denen ich aus der Eifel nach Köln pendel, habe ich dann überhaupt keine Zeit für Privates. Mittags nehme ich mich bewusst eine Stunde komplett raus, gehe auswärts essen oder mache einen langen Spaziergang, damit ich danach wieder konzentriert arbeiten kann. Vom Experiment erwarte ich, dass ich meine (späten) Produktivitätsschübe besser nutzen und den Kopf freier für Aufgaben neben dem Daily Business bekommen kann. Fürs Unternehmen sind einige Fragestellungen interessant:

  • Was passiert mit dem “Sozialgefüge Büro”, wenn die Leute verteilt sind
  • Wie lässt sich die Abrechnung von Agenturleistungen damit vereinbaren?
  • Können wir in Projekten mit langer Laufzeit und einer starken Beziehung zum Kunden sogar weg von stundenbasierter Abrechnung?
  • Wird es doch Mitarbeiter geben, denen der eigene Antrieb fehlt, mit diesem Modell wirtschaftlich zu sein/zu bleiben?

Micha

Marketing & Content

Über mich habt ihr im ersten Teil bereits genug erfahren. Daher möchte ich hier nur meine Erwartungen an das Experiment und mich selber zusammenfassen: Ich möchte die Zeit, in denen ich meine festen ToDos erledige, reduzieren, indem ich dazu die Zeiten identifiziere, in denen ich am produktivsten daran arbeiten kann. Egal, wann das ist. Das soll unproduktive Zeit und Leerlauf eliminieren und die Work/Life-Balance optimieren. Im Idealfall sind am Ende nicht nur meine jetzigen Projekte besser betreut und ich ausgeglichener, sondern es bleibt Zeit für ganz neue Themenfelder und Projekte, für die ich richtig brennen kann. Ich habe die Vermutung, dass ich meine Beziehung zur Arbeit und Arbeitszeit einmal komplett auf den Kopf stellen muss.

Schwierigkeiten sehe ich vorerst nur, falls die soziale Komponente im Office leidet, wenn sich unsere Anwesenheit zerstreut. Erreichbarkeit ist für mich vorerst kein Problem — ich arbeite meist unabhängig.

Noch mehr Stimmen

Erfahrungen und Erwartungen aus allen Bereichen des Unternehmens zu verschiedenen Themen

Work/Life Balance Viele von uns geben an, morgens nicht sonderlich produktiv zu sein, sondern dann “stupide” Dingezu erledigen, manche fassen darunter dann bereits privates vermischt mit beruflichem, wie Mails bearbeiten. - Den eigenen Rhythmus mit dem des Partners/der Familie abzustimmen ist für die meisten eine der obersten Prioritäten — und schafft eine Abhängigkeit zum verbreiteten klassichen 9 to 5 Modell. - Home Office ja, aber bitte nicht ausschließlich. Irgendwo zwischen 2:3 und 1:1 liegt der bevorzugte Schnitt HO/Office Es kann mental sehr erholsam sein, seine gewohnte Arbeit an ganz anderen Orten zu erledigen.

(Asynchrone) Kommunikation & Remote Work

  • Kommunikation kann asynchron besser funktionieren, als unmittelbar. Das haben einige von uns durch ausschließlich remote laufende Projekte erfahren und eine Steigerung der Effizienz beobachtet.
  • Auch unterschiedliche Arbeitsrhythmen ergänzen sich teils perfekt: Person A programmiert am Vormittag konzentriert, Person B ist eine Nachteule und macht das Review am Abend. Hier ergibt sich automatisch ein kleinstmöglicher Zeitverlust durch optimale Feedbackzyklen. Mögliche Probleme dabei:

  • Fehlende Kommunikation darüber was man macht, warum man das macht, welche Herausforderungen man dabei hat.

  • Schwierigkeiten, die Arbeit so zu strukturieren, dass man nicht von anderen abhängig ist

  • Fehlende Ansprechbarkeit. Wenn man remote ist, dann kann man nicht mal eben x Stunden off sein, ohne dass jemand Bescheid weiß.

Im Juni geht’s los

Pünktlich zum 4. Juni geht’s los. Beziehungsweise auch schon am 2. oder 3. —es ist ja jetzt erstmal egal, ob wir Samstags und Sonntags arbeiten und dafür unter der Woche weniger. Wir sind jedenfalls gespannt auf die Erkenntnisse. Am Ende jeder Woche fassen wir die interessantesten Insights und Videosnippets unserer Kollegen zusammen. Wer hat was erlebt, was hat sich verändert, wo hakt es? Wenn ihr Vorschläge und Ideen habt zu Dingen, die wir ausprobieren sollen oder Tipps, was man tunlichst vermeiden muss, dann meldet euch bei uns. Per Mail an [email protected] oder per Facebook, Twitter, Brief. Wir freuen uns auf euer Feedback.